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Dossier: Biels junge Musik-Szene
Der anständige Jean-Michel Jarre
Das Sound 8 Orchestra ist das Soloprojekt des Bieler Musikers Matthias Wyder. Er verbindet darin die Sixties mit dem Heute, Lo-Fi mit Hightech und den
schlechten mit dem guten Geschmack.
Tobias Graden
Zum Zeitpunkt des Gesprächs steht Matthias Wyder im Eingang der Münsterland-Halle im deutschen Münster. Er wird dort am Abend auftreten, vor 5000 Zuschauern. Wyder spielt - es ist eines seiner Projekte - mit der Berliner Band Beatplanet, sie ist als Vorband mit der deutschen Popgruppe Juli auf Tournee. «Es ist schon nicht übel, vor so vielen Leuten zu spielen», sinniert Wyder am Telefon, «und alles ist gut organisiert...» Aber nein, musikalisch gesehen interessiere ihn der Mainstream, wie er von Juli repräsentiert werde, nicht. Lieber fände er mit einem «schrägen Projektli» ein grösseres Publikum - Beatplanet, die Formation, die sich vom ostdeutschen Beat der 1960er-Jahre inspirieren lässt, tritt normalerweise in kleinen Clubs vor 200 Personen auf.
Eine Unmenge Instrumente
Ein noch spezielleres Publikum bedient Wyder mit seinem Soloprojekt Sound 8 Orchestra. Von den Sixties beeinflusst ist es aber ebenso, doch ganz so einfach ist das nicht mit diesem Ein-Mann-Orchester. Dessen Musik klinge, also ob Lee Scratch Perry für die Titelmelodie einer Quizshow zum Thema Naturwissenschaften verantwortlich sei, schreibt das Bieler Label Langusta Entertainment (vgl. Infobox), oder als ob Jean-Michel Jarre ein Album mit schäbigen alten Keyboards und einem Drumcomputer aufgenommen hätte - wenn er denn nur einen anständigen Musikgeschmack hätte. «Sound 8 Orchestra ist eine Ein-Mann-Band mit Super-8-Projektionen und gelegentlich unterstützt durch einen Schlagzeuger», lautet die Selbstbeschreibung im Booklet des neuen Albums «Golden Memories». Wyder, grösstenteils Autodidakt, spielt darauf eine Unmenge Instrumente: Analogsynthesizer, Orgel, Gitarre, Sampler, Laptop, Saxophon, Bass und bedient den Schlagzeugcomputer. «Mich interessiert eben sehr viel», sagt Wyder lakonisch, «ich bin Multi-Instrumentalist, Allrounder. Ich spiele nicht wahnsinnig gut Saxophon oder Gitarre, aber das kann auch ein Vorteil sein.» Zweifellos ist Wyder gerade mit dem Projekt Sound 8 Orchestra ein Eklektiker und passt so bestens ins Langusta-Programm. «In meinem eigenen Projekt geniesse ich Narrenfreiheit, kann alles ausprobieren», so Wyder.
Die «Golden Memories» tönen dabei altmodisch und modern zugleich. Da fiepst eine flirrende Orgel neben einem Elektrobeat, über 80er-Synthiesounds jault ein gesampeltes Theremin, bisweilen ist sehr wohl auch eine solierende Rockgitarre zu vernehmen. Am ehesten ist das der Soundtrack zu B-Movies aus den 60ern, eingespielt mit wenigstens teilweise modernen Mitteln. «Retrofuturistisch» nennt sich diese Klangästhetik.
Gesammelter Trash
Ursprünglich sei praktisch alles von Hand eingespielt, betont Wyder, im Heimstudio mit Laptop und den mittlerweile ausgereiften Computerprogrammen entstehe in monatelanger Tüftelei die Musik: «Ich bin Musiker, Toningenieur und Mischer in einem.»
Wenn er das Programm live spielt, variiert Wyder die Kompositionen: «Ich mag es nicht, wenn Elektromusiker einfach alles vom Laptop abspielen.» Vielmehr bietet er neue Interpretationen, gruppiert die Stücke um, improvisiert mit Saxophon oder Gitarre. Und er projiziert Super-8-Filme, «gesammelten Trash». Entstanden ist das Super 8 Orchestra nämlich aus dem Projekt, solche Filme live zu vertonen, was sich als nicht ganz einfach herausgestellt hat. Nun setzt er diese «Visuals irgendwie ufene Art» ein, es sei eher ironisch zu verstehen. Er lasse sich durchaus von den Filmen für die Musik inspirieren, stehe dank ihnen aber auch «nicht ganz so allein auf der Bühne».
Zu Filmen hat er ohnehin eine besondere Affinität. Jahrelang hat er als Brotjob die Maschinen im Bieler Filmpodium bedient. Auch in seiner Teilzeit-Wahlheimat Berlin arbeitet er als Operateur, «man muss sich ja durchschlagen» - im Gegensatz zu Biel gibt es dafür dort allerdings gerade mal 7 Euro die Stunde. Doch wer weiss: Vielleicht findet Wyder mit seinen obskuren Basteleien dereinst ein grösseres Publikum. Immerhin findet sich der Ehren-Oscarpreisträger Ennio Morricone unter seinen «Friends» auf dem Onlineportal Myspace.
Matthias Wyder, Bieler und Wahlberliner, Autodidakt und Tüftler, Selbstverwirklicher und Vorbandmusiker. Bild: BT/a
Langusta
Entertainment
Bieler Musikerkollektiv und Label zugleich
Vertrieb über RecRec und digital
Sound 8 Orchestra und «Snapshot Rock'n'Roll» von Climax sind die ersten Fremdproduktionen im Programm
Weitere Veröffentlichungen folgen bald
Stilrichtungen: laut Tristan Triponez alternative Musik aus Hip-Hop, Elektro, Rock
Kriterium: «Zeug, das uns gefällt» (Triponez) (tg)
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